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  • „Fulminanter Erfolg“
    Drei Wochen nach der Bundestagswahl hat die SPD die Landtagswahl in Niedersachsen spektakulär gewonnen. Die Sozialdemokratie unter Ministerpräsident Stephan Weil legt deutlich zu und wird erstmals seit 1998 wieder stärkste Kraft. Eine Fortsetzung von Rot-Grün ist aber nicht möglich.
  • Willy Brandt hat Deutschland in die Moderne geführt.
    Rede des Parteivorsitzenden Martin Schulz anlässlich der Gedenkfeier zum 25. Todestag von Willy Brandt.
  • Neustart für die SPD
    Wir haben eine schwere Wahlniederlage erlitten und das historisch schlechteste Wahlergebnis der SPD seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland eingefahren. Für diese Niederlage trage ich als Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat die Hauptverantwortung. Ein Namensbeitrag.

Im Folgenden einige Ausschnitte aus der Festschrift „Kleine Geschichte des Ortsvereins“ anlässlich des  75 Jubiläums des OV Emsdetten

Redaktion: Lothar Slon
Fotos: Emsdettener Tageblatt, Bildarchiv der Stadt Emsdetten und privat

1919 -1994: Ein Jubiläum

Um es vorweg zu sagen: Wenn wir mit dieser kleinen Festschrift den 75 Geburtstag der SPD in Emsdetten in das Jahr 1994 verlegen, so ist das nicht ganz korrekt. Weil nämlich vieles dafür spricht, dass unser Ortsverein schon Ende 1918 gegründet wurde.
Ein endgültiger Beweis dafür konnte allerdings trotz intensiver Suche nicht gefunden werden, und so haben wir uns entschieden, ein sicheres Datum zugrunde zu legen, und das ist der Januar 1919. Es war auch im Jahr 1919, als zum ersten Mal Sozialdemokraten in das Emsdettener Gemeindeparlament einzogen. Sicher ein weiterer Grund, das Jubiläum gerade im „Superwahljahr“ 1994 angemessen zu begehen.
Dass das genaue Geburtsdatum der SPD in Emsdetten vorerst im dunkeln bleibt, liegt daran, dass die historischen Quellen nicht gerade sprudeln. Originalunterlagen des Ortsvereins sind erst ab 1954 erhalten, und die Archive geben allenfalls Mosaiksteinchen her, die mühsam zusammengesetzt werden müssen. Für einige Zeitabschnitte kann das Archiv der Emsdettener Volkszeitung Teile zu diesem Puzzle beitragen. Allerdings aus der Sicht des politischen Gegners, denn als Zentrumsblatt hat die Zeitung die SPD in Kaiserreich und Weimarer Republik hartnäckig bekämpft. Aus entgegengesetzter Perspektive enthält der „Volkswille“, das sozialdemokratische Organ für Münster und das Münsterland, gelegentlich eine Notiz über Vorgänge in Emsdetten.
Insgesamt recht wenig Material also. Die erhaltenen Quellen sind jedoch interessant genug, um aus ihnen wenigstens die Umrisse einer Geschichte des SPD-Ortsvereins Emsdetten zu rekonstruieren.

1918: „Genossen, Rosalinen und Spartakusinen"

Als der sozialdemokratische Abgeordnete Philipp Scheidemann am frühen Nachmittag des 9. November 1918 von einem Balkon des Berliner Reichstages die Deutsche Republik ausrief, bedeutete das den Sieg einer Aufstandsbewegung, die, ausgehend vom Matrosenaufstand in Kiel am 3. November, innerhalb weniger Tage das Schicksal des Zweiten Deutschen Kaiserreichs besiegelte. Soldaten- und
Arbeiterräte bildeten die Basis dieser revolutionären Bewegung. Auch in Emsdetten, wo die Revolution von Hembergen aus inszeniert wurde. Die EV berichtete über die „revolutionären“ Ereignisse:

Der Emsdettener Arbeiterrat konnte, wie in vielen anderen Orten auch, dem Anspruch seines Namens aber kaum gerecht werden. Seine Mitglieder bildeten einen Querschnitt durch die einzelnen Bevölkerungsschichten. Karl Hüser nennt als Mitglieder des am 11.11. gewählten Rates das Gründungsmitglied des Zentralverbandes der christlichen Textilarbeiter in Emsdetten, Gerd Hellebröcker, den Rektoratsschullehrer Riesenbeck, den Bauunternehmer Poggemann, den Bauern Felix Autmaring, den Textilarbeiter Bernhard Veltrup und einen unbekannten Mann namens Schillhahn. Bei den allerorts abgehaltenen Wahlen der Arbeiterräte schlug seiner Ansicht nach überhaupt die „Stunde des Zentralverbandes christlicher Textilarbeiter". Aber schließlich hatte es eine Revolution gegeben. Und auch in Emsdetten gab es fortschrittliche Kräfte, die ein Weiterfahren in alten Gleisen, so wie es sich in der Besetzung des Arbeiterrates ausdrückte, nicht mitmachen wollten. Ein namentlich nicht genanntes „Gemeindemitglied“ wandte sich daher an den Matrosenrat in Wilhelmshaven. Mitglieder des Matrosenrates rückten an und veranlassten den Soldatenrat in Hembergen, für Montag, den 25. November, eine neue Volksversammlung in den Saal Kock einzuberufen. Hier kam es zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen dem Vertreter des Matrosenrates und Mitgliedern der christlichen Textilarbeitergewerkschaft. Letztere konnten nicht verhindern, dass unter Aufsicht eines Wahlkomitees eine Neuwahl des Arbeiterrates vorbereitet wurde.
Als Reaktion auf diese Volksversammlung erschien in der EV vom 27. November ein Leserbrief. Er ist vor allem deshalb interessant, weil er belegt, dass auf der Versammlung auch Emsdettener Sozialdemokraten das Wort ergriffen. Sie waren es wohl auch, die die „Verstärkung“ aus Wilhelmshaven angefordert hatten.

Der Angriff auf den bürgerlich-konservativen „Arbeiterrat“ endete allerdings in einer politischen Niederlage. Denn eine Woche später zeigten sich Zentrum und christlicher Textilarbeiterverband gut erholt: auf einer neuen Versammlung wurde schon der Antrag auf eine Neuwahl des Arbeiterrates mit 1020 gegen 212 Stimmen abgeschmettert.
Für die nächsten Wochen fehlen auch in der EV jegliche Hinweise auf politische Aktivitäten der SPD. Höchstwahrscheinlich haben sich die Emsdettener Sozialdemokraten aber gerade in dieser Zeit auch in einem Ortsverein organisiert, vielleicht sogar als Reaktion auf die Ereignisse um die Wahl des Arbeiterrates. Jedenfalls erschien am Heiligabend 1918 eine Anzeige, in der ein „Parteikomitee“ die Männer und Frauen Emsdettens für den 1. Weihnachtstag zu einer Volksversammlung in den Saal Kock einlud.
Der Bericht der Emsdettener Volkszeitung über diese „Weihnachtsversammlung der Sozialdemokratie" legt den Schluss nahe, dass ein Ortsverein der SPD zu diesem Zeitpunkt bereits ins Leben gerufen worden war. Es heißt hier: „Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei in Emsdetten (!) hatte für den ersten Weihnachtstag eine öffentliche Volksversammlung einberufen, die den dafür gewonnenen Kock'schen Saal fast füllte. Es mögen mehrere Hundert Neugieriger und Rotgesinnter gewesen sein, die den Weihnachtsabend glaubten erhebender und glücklicher in einem frostigen Saale als im trauten Familienkreise verleben zu können. Im Gegensatz zu der von den medischen Freiheitshelden in so liebevoller Weise vorbereiteten und geleiteten November-Versammlung bot die Weihnachtsversammlung dem starken Geschlecht wenig Augenweide: es fehlten die Rosalinen und Spartakusinen; nur einige Genossinnen hatten ihrem politischen Drang nicht widerstehen können und harrten in Hut, Pelz und Mantel auf innere Erwärmung..."

Der Leiter dieser Versammlung, der Textilarbeiter Josef Rohlmann von der Marthastraße, war der erste Ortsvorsitzende des Emsdettener Ortsvereins und gleichzeitig Vorsitzender des freien deutschen Textilarbeiterverbandes.
Am 1. Mai 1919 veranstalteten Partei und Gewerkschaft gemeinsam eine große Maifeier.

Zentrum und christlicher Textilarbeiterverband jedenfalls fuhren fort, die Sozialdemokraten als Gegner des Christentums zu brandmarken. Der ehemalige Gewerkschaftssekretär Hellebröcker bezeichnete die SPD in einem Leserbrief der EV vom 20.1.1919 als „Todfeindin der Emsdettener christlichen Bevölkerung“. Schließlich standen noch die Wahlen zur preußischen Nationalversammlung und vor allem die Kommunalwahlen am 2. März an. Der Vorsitzende der Wahlkommission für die Gemeinderatswahl, Amtmann Schipper, veröffentlichte am 26. Februar die beiden Listen für diese Wahl. Der Wahlvorschlag 1 führte die Kandidaten der SPD auf, Wahlvorschlag 2 wurde vom Zentrum unterbreitet.

Eine Überraschung dann das Wahlergebnis. 1155 von 5985 Wahlberechtigten hatten der SPD-Liste ihre Stimme gegeben. Damit zogen vier Kandidaten dieser Liste in das neue Gemeindeparlament ein, der fünfte, Wilhelm Wiedau, verfehlte den Einzug in den Gemeinderat um ganze 11 Stimmen. Allerdings waren es neben den beiden „echten“ Sozialdemokraten Josef Rohlmann und Johannes Wiemeier die „Zentrums-Dissidenten“ Lennartz und Judith, die einen Sitz erhielten.

Geschichte005 1Die zweiten Kommunalwahlen in der Weimarer Republik, fanden am 4. Mai 1924 statt. Die politische Arbeit lag im SPD - Ortsverein zu dieser Zeit wohl brach, die Kommunisten hatten das Heft in die Hand genommen. Sie beteiligten sich auch an der Kommunalwahl, der SPD gelang es diesmal nicht, überhaupt eine eigene Liste aufzustellen. Allerdings konnte die KPD schließlich nur einen Gemeindevertreter entsenden, stärkste Kraft wurde die Liste der „Christlichen Arbeiterschaft" (9 Sitze), die unabhängig vom Zentrum (8 Sitze) kandidierte, um möglichst viele Arbeitnehmer in das Gemeindeparlament zu bringen. Am Ergebnis der gleichzeitig stattfindenden Reichstagswahl zeigte sich aber, dass die Sozialdemokratie noch immer ein kleines Häuflein getreuer Anhänger in Emsdetten hatte. Ein knappes Hundert Wähler entschied sich für die SPD, eine Zahl, die, gemessen am Wahlerfolg des Jahres 1920, aber kaum der Rede wert war.

Geschichte005 3Erst Anfang 1925 kam wieder Leben in den Ortsverein. Die verbliebenen Mitglieder scharten sich um Fritz Balshüsemann, der in den Jahren des Niedergangs so etwas wie die Galionsfigur der Emsdettener Sozialdemokratie wurde.

Die Bemühungen Fritz Balshüsemanns um den Neuaufbau des Ortsvereins waren trotz aller Behinderungen wenigstens zeitweise erfolgreich. Vertreter der SPD kandidierten 1929 auch wieder bei der Kommunalwahl. Die politische Arbeit im Ort wurde allerdings so stark erschwert, dass der Ortsverein im Wahlkampf auf Hilfe von außen angewiesen war.

Auf dem offiziellen Wahlvorschlag in den Akten wird im Jahre 1929 Friedrich Tomzick als Vertrauensmann (1. Vorsitzender) der SPD in Emsdetten geführt, sein Stellvertreter ist Carl Dietz. Carl Dietz war aus den Reihen der KPD zur SPD zurückgekehrt und kandidierte auch für den Gemeinderat. Bei den Gemeinde- und Amtswahlen des Jahres 1933 ist er allerdings wieder auf der Liste der KPD zu finden, die sich 1929 nicht beteiligte. Er pendelte also zwischen den Parteien.

 Die letzten Jahre der Weimarer Republik standen im Zeichen der Weltwirtschaftskrise, die dazu führte, dass auch im Münsterland im Jahre 1933 90% der Textilarbeiter ohne Arbeit waren. In Emsdetten waren im Juli 1932 2500 Personen erwerbslos gemeldet. „Diese Zahlen waren für die KPD eine bessere Werbung als jede Wahlkampfveranstaltung." So stiegen denn auch die Stimmengewinne der KPD bei den Reichstagswahlen in Emsdetten seit 1930 wieder konstant an, um Ende 1932 die Höchstmarke von 18% zu erreichen. Die SPD fiel in diesem Zeitraum wieder auf die bedeutungslose Marke von 2-3% zurück. Es ist anzunehmen, dass in diesen Jahren auch der harte Kern des Ortsvereins in Resignation verfiel und die politische Arbeit aufgab. So wurde eine Wahlkampfveranstaltung im November 1932 bereits vom „Parteisekretariat der SPD/Münster i.W." angemeldet. Ob es zu einer Selbstauflösung des Ortsverein schon vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 gekommen ist, wissen wir nicht. An den Kommunalwahlen vom 12. März 1933 nahm die SPD jedenfalls nicht teil. Ein klärendes Wort spricht dann der Bericht der Ortspolizeiverwaltung vom 10. Mai 1933, in dem es heißt: „Im Amtsbereich Emsdetten ist eine Ortsgruppe der SPD nicht vorhanden."

 

1933 - 1945

Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften (2. Mai 1933) und dem endgültigen Verbot der KPD (26. Mai 1933), kam das Aus für die SPD am 22. Juni 1933
Franz Rudolf Menne (Geschichte Emsdettens 1933-1988) stellte fest, „..Emsdetten befand sich im Herbst 1933 bereits fest im Griff der Nationalsozialisten". Da der Ortsverein der SPD sich aufgelöst hatte, wurden die Mitglieder der örtlichen KPD und dann die Funktionäre der christlichen Textilarbeitergewerkschaft zur Zielscheibe der nationalsozialistischen Gleichschaltungsbestrebungen. Emsdettener Sozialdemokraten wurden, soweit bekannt ist, jedenfalls nicht gezielt behelligt, solange sie ihre abweichende politische Meinung für sich behielten. Von Friedrich Tomzik, dem ehemaligen Vorsitzenden des Ortsvereins, weiß man allerdings, dass er 1933 eine Nacht in Polizeigewahrsam verbrachte. Er hatte sich am Rande eines Aufmarsches der Nationalsozialisten abfällig über dieses Schauspiel geäußert. Ein hinter ihm stehender Zuschauer denunzierte ihn deswegen. Dass die Angelegenheit nicht weiter verfolgt wurde, war Bekannten zu verdanken, die selbst bereits Gliederungen der NSDAP angehörten. Auch Amtmann Berlage hielt wohl seine schützende Hand über den Emsdettener Bürger. Er mahnte Friedrich Tomzik zur Zurückhaltung, die auch deshalb geboten war, weil er und seine Familie misstrauisch beobachtet wurden.
Dem Risiko einer Denunziation setzte sich, trotz des Protestes seiner Familie, auch ein anderer Sozialdemokrat während des Zweiten Weltkrieges aus. Fritz Balshüsemann hörte ständig englische Sender, um politisch richtig informiert zu sein. Der Aktivist der SPD während der Weimarer Zeit erblindete 1939 völlig. Die NS-Behörden verweigerten ihm die Anerkennung seiner Sehbehinderung als Kriegsverletzung und damit eine ihm zustehende Rente. Man gab ihm zu verstehen, dass dies darauf zurückzuführen sei, dass er sich weigere, Parteigenosse zu werden.
Trotzdem urteilt Franz-Josef Menne sicher richtig, wenn er von einem „vergleichsweise ‚milden‘ Regiment derNSDAP im Ort" in der Zeit von 1933 - 1945 spricht. Es gilt als gesichert, dass gerade katholische Landgemeinden ein hohes Maß an Resistenz gegenüber der NS-Ideologie zeigten. Dennoch herrschte wohl auch in Emsdetten in der Zeit des totalitären NS-Regimes ein Klima der Angst und des Misstrauens, das alle politisch Andersdenkenden zum Schweigen brachte.

1946-1994: „Nicht das Gesicht Emsdettens"?

In der britischen Zone dauerte es offiziell noch bis zum 15. September 1945, ehe politische Parteien gebildet und öffentliche Versammlungen abgehalten werden durften, doch schon in den Monaten vorher trafen sich in vielen Orten Sozialdemokraten, um die alten Ortsvereine wiederzugründen. So beispielsweise auch in Emsdettens Nachbarstädten Greven und Burgsteinfurt.
In der Jutestadt selbst kam die politische Arbeit sehr viel schleppender in Gang. Erst am 20. Mai 1946 trafen sich in der Wohnung des ehemaligen Vorsitzenden Friedrich Tomzik an der Bergstraße einige Sozialdemokraten zur Gründungsversammlung. Es waren, neben Friedrich Tomzik, Bernhard Hölscher, Bernhard Holtwisch, Karl König, Theodor Schmedding, Josef Schürmann, Josef Stegemann und Alfons Wenners. Friedrich Tomzik übernahm erneut das Amt des Vorsitzenden, seine Wohnung musste noch jahrelang als Versammlungsort herhalten, da ein geeigneter Raum von den Wirten nicht zur Verfügung gestellt wurde. Ein Schicksal, das die Emsdettener Sozialdemokraten mit vielen anderen Ortsvereinen im katholischen Münsterland teilten. Es macht deutlich, dass sich an der Einstellung der Bevölkerung Sozialdemokraten gegenüber seit der Weimarer Zeit wenig geändert hatte. Eine Tatsache, die mitverantwortlich gewesen sein mag für das Zögern bei der Wiedergründung der Partei vor Ort.

Schon vier Monate nach der Neugründung stand der SPD - Ortsverein vor der ersten Bewährungsprobe: Am 15. September 1946 fanden Kommunalwahlen statt. Für die SPD kandidierten in den fünf Wahlbezirken: WBI: Heinrich Nießing, WB II: Josef Stegemann, Gerhard Wagner, WB III: Bernhard Dehne, Wilhelm Engelhard, WB IV: Bernhard Hölscher, Karl König, WB V: Theodor Schmedding, Friedrich Tomzik. Auf der Reserveliste standen Hermann Ascheberg, Willi Kossak, Alfons Lammers und Heinrich Reuber. Anders als heute war bei diesen Wahlen eine gleichzeitige Kandidatur für die Direkt- und Listenwahl verboten.
Der Wahlkampf wurde mit äußerster Härte geführt. Im Münsterland musste die SPD sofort wieder dem von der CDU und dem Zentrum vorgebrachten Märchen entgegentreten, durch sie sei das Christentum in Gefahr. In Emsdetten gingen die Christdemokraten sogar noch einen Schritt weiter. In einem schlimmen Propagandaflugblatt versuchten sie den politischen Gegner dadurch herabzusetzen, dass sie ihn auf eine Stufe mit den Nationalsozialisten stellten. „Die SPD und ihre Meute war gestern braun, rot ist sie heute“, hieß es in diesem Pamphlet. Eine Vorgehensweise übrigens, die eigentlich eher die durch persönliche Angriffe gekennzeichnete scharfe Auseinandersetzung zwischen CDU und Zentrum im Münsterland kennzeichnete. In Emsdetten traf sie einen anderen Gegner.


Dem Dichter von der SPD!
Als Antwort sei dem Sozialist
auf seinen ausgestreuten Mist,
geworfen nach der CDU,
nur folgendes gesagt dazu:
Im roten Hemd ein brauner Fleck,
zeigt uns die Herkunft dieses Dreck
Was man am hellen Tag nicht zeigt,
uns auch am Abend nicht vergeigt.
Nur der erfindet Gänsemärchen
von großen fetten Geldsack-Herrchen,
der selber sich auf Geld verstand,
als übler Schwätzer weit bekannt.
Der kleine Mann sieht schon die Tarnung
von braun zu rot als eine Warnung,
daß bei der SPD sind froh und heiter
SA-Mann, Block- und Zellenleiter.
Das pfeift der Spatz von allen Dächern!
Das brüllt auch schon die Kuh im Stall:
Die SPD und ihre Meute,
war gestern braun, rot ist sie heute!

Darum wähle die Kandidaten der
Christlich Demokratischen Union

Der Stil der politischen Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie war somit der gleiche wie zwei Jahrzehnte zuvor.
Auch das Wahlergebnis der ersten Kommunalwahlen nach dem Krieg ließ Erinnerungen an die zwanziger Jahre aufkommen. Die SPD konnte kein einziges Direktmandat erringen, über die Reserveliste zogen aber Hermann Ascheberg und Alfons Lammers in das Stadtparlament ein; die CDU stellte die restlichen 19 der insgesamt 21 Stadt- bzw. Amtsvertreter. Auf der ersten öffentlichen Sitzung, die gemeinsam von der Amts- und Stadtvertretung sowie der Gemeindevertretung Hembergens im Saale Laumann an der Rheiner Straße abgehalten wurde, hielt Amtsbürgermeister Albert Lüke in Anwesenheit des Kommandeurs der britischen Militärregierung Burgsteinfurt, Oberst Lindesay, die Eröffnungsrede. Er wagte einen Ausblick auf die bevorstehenden Aufgaben und betonte : „Wir haben eine schwere Arbeit vor uns, die fast menschenunmöglich erscheint. Der Tiefstand ist in mancher Hinsicht noch nicht erreicht. Es sei an das Flüchtlingsproblem erinnert.(...) Das Wort 'Mein Haus ist meine Burg' kann heute nicht mehr gelten; denn unser Haus und unser Eigentum sind durch Zufall von den Bombenangriffen verschont geblieben. Da Eigentum verpflichtet, müssen wir die Ostflüchtlinge liebevoll aufnehmen." Die Lösung des Flüchtlings- und Wohnungsproblems blieb auch in den folgenden Jahren die Hauptaufgabe der Emsdettener Bürgervertreter. Von Januar 1946 bis Dezember 1947 stieg die Zahl der im Ort aufgenommenen Vertriebenen auf 3217. Konflikte zwischen ihnen und den Einheimischen konnten nicht ausbleiben. „Nicht selten musste der Einzug der Vertriebenen (...) polizeilich geschützt werden", und „erst der Bau oder Kauf eigener Häuser in den fünfziger und sechziger Jahren entspannte die Atmosphäre zwischen Einheimischen und Vertriebenen beträchtlich und bedeutete wohl den entscheidenden Schritt hin zur Integration der Vertriebenen, nicht zuletzt auch durch deren eigene Eingliederungsbereitschaft".
Politisch konnten die Flüchtlinge erst 1948 aktiv werden. Ihre Teilnahme an den zweiten Kommunalwahlen vom 17. Oktober 1948 hat wesentlich dazu beigetragen, das Wahlergebnis für die SPD zu verbessern, weil für die „häufig evangelischen Flüchtlinge (...) die katholischen Einheimischen, von denen sie oftmals feindselig behandelt wurden, und die 'katholische' CDU oder das Zentrum synonym waren". Mit Hermann Bose, Karl Feldkamp, Bernhard Hölscher, Heinrich Husmann, Karl König, Paul Lachmuth, Theodor Schmedding, Josef Schürmann und Josef Stegemann stellten die Sozialdemokraten nun neun Ratsmitglieder. Das war genau ein Drittel, und an dieser Marke orientierte sich die Partei in den beiden folgenden Jahrzehnten. Erst 1969 kamen weitere Mandate hinzu.

Etwas Außergewöhnliches geschah im Oktober bzw. November 1951, stellte die SPD doch mit Josef Stegemann und Theodor Schmedding für ein Jahr den Bürgermeister als auch den Amtsbürgermeister. (Damals wurden die Bürgermeister noch jährlich gewählt). CDU und  Zentrum hatten sich zerstritten. Die EV titelte: "SPD und Zentrum Arm in Arm".

Der Wandel des gesellschaftlichen Klimas Ende der sechziger und in den siebziger Jahren beeinflußte auch die Entwicklung des SPD - Ortsvereins nachhaltig.

 

In verschiedenen Schichten der Bevölkerung wurden etablierte Autoritäten, Rollenverteilungen, überkommene Denkmuster und Verhaltensweisen in Frage gestellt. In der öffentlichen Diskussion wurden Themen aufgegriffen, die früher allenfalls 'Fachkreise' oder Außenseiter beschäftigt hatten. Eine zunehmende Anzahl von Bundesbürgern gewann die Überzeugung, dass vieles geändert werden müsse. Politisch schlug sich diese anti-konservative Stimmung zugunsten der SPD nieder." Nach der Bundestagswahl vom 28. September 1969 wurde die erste sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt gebildet. Bei den Kommunalwahlen vom 9. November 1969 konnte die Emsdettener SPD ihren Anteil zwar auch von neun auf zwölf Sitze im erweiterten Rat steigern, musste ob der deutlichen absoluten Mehrheit der CDU aber auch weiterhin auf der harten Oppositionsbank Platz nehmen. Die Ursache dafür wollten zwei Emsdettener Bürger schnell ausgemacht haben. In einer Wahlanalyse gingen sie mit der SPD, wie mit den anderen Parteien auch, hart ins Gericht: „Der Emsdettener SPD kann man auf Ortsebene nur das empfehlen, was der Union auf Bundesebene angeraten wird: Endlich personelle Veränderungen durchzuführen, um endlich dynamisch wirken zu können. Die Öffentlichkeitsarbeit muss mehr und besser betrieben werden. Will sie den Anschluss nicht verpassen und in fünf Jahren hinter der UWG rangieren, müssen endlich jüngere Leute gefunden werden, die schon nach außen hin zeigen, dass die SPD die bessere Mannschaft hat. Oder wiegt sich die SPD-Führung in dem Glauben, die CDU-Mehrheit sei gottgewollt und könne somit nicht gebrochen werden?"
Sollte es auch noch 15 Jahre dauern, bis die konservative Vorherrschaft in Emsdetten wenigstens für einige Jahre gebrochen werden konnte, so setzte der Verjüngungsprozess in der Partei schon bald ein. Der Ortsverein profitierte dabei vom neuen geistigen Klima in der Republik. Seit 1967 von Rainer Verhoeven geführt, verzeichnete die Partei im Zeitraum von 1969 bis 1972 einen Zuwachs von 110 Mitgliedern, mehr als ein Drittel von ihnen war unter 30 Jahre alt. Und dieser Trend hielt in den siebziger Jahren an. Von den 267 Mitgliedern des Jahres 1977 war mehr als die Hälfte seit 1970 eingetreten.
Konsequenz dieser starken Verjüngung der Mitgliederstruktur war der Aufbau einer sehr aktiven Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten (Juso-AG). Wenn die siebziger Jahre, in denen der Wechsel in der Parteiführung von Rainer Verhoeven zu Herbert Wendler (1973-1978) und schließlich zu Hans Leissner (ab 1978) stattfand, als eine von Unruhe gekennzeichnete Zeit in die Annalen des Ortsvereins eingehen werden, so ist dies, Querelen in der Parteiführung einmal außer acht gelassen, vor allem den Jusos zu verdanken. Und diese Formulierung ist keineswegs ironisch gemeint. Denn mag nach Meinung älterer Mitglieder dieser Zeitabschnitt, trotz der Tatsache, dass die Partei bei den Kommunalwahlen die Zahl ihrer Mandate nochmals erhöhen konnte, besonders dadurch gekennzeichnet sein, dass wegen parteiinterner Auseinandersetzungen „nicht viel lief“, so hat doch vor allem die kritische Haltung der Jusos eines bewirkt: Sie hat auch in Emsdetten „der nach Godesberg eingetretenen Gefahr einer geistigen Stagnation der SPD entgegengewirkt und wieder eine Diskussion in Gang gebracht, die trotz der Unausgewogenheit mancher politischer Forderungen der 'Jusos' und ihrer einseitigen Überschätzung von Theorien und 'Modellen' eine notwendige Besinnung auf fundamentale Fragen sozialdemokratischer Politik anregte".
Mit der Amtsübernahme des amtierenden Vorsitzenden Hans Leissner gingen die „wilden 70er“ des Ortsvereins ihrem Ende entgegen. Die Tatsache, dass er seit fast 16 Jahren im Amt ist, ist Beweis genug dafür, dass es ihm in diesen eineinhalb Jahrzehnten gelungen ist, der Partei ein hohes Maß an Geschlossenheit und Kontinuität in der politischen Arbeit aufzuerlegen. Eine schwierige Aufgabe in einer Partei, die immer stolz auf ihren Meinungspluralismus gewesen ist und sich deshalb nicht selten das Etikett mangelnder Einheit aufdrücken lassen musste. Die Arbeit des Ortsvereins hat in den letzten Jahren einen eindeutigen Schwerpunkt in dem Bemühen um Bürgernähe gehabt. Hier zeigte sich auch die Handschrift des langjährigen stellvertretenden Vorsitzenden und Fraktionschefs Werner Nießing. Die seit 1985 veranstalteten Bürgerfeste der Partei und die regelmäßig in verschiedenen Ortsteilen abgehaltenen öffentlichen Fraktionssitzungen sind Beispiele für das Bestreben des Ortsvereins, die Politik der Volkspartei SPD den Bürgern Emsdettens nahezubringen.
Im Jahr 1994 ist der Ortsverein der SPD stolz darauf, sozialdemokratische Ideale, wenn auch mit Unterbrechungen, schon seit 75 Jahren in Emsdetten zu vertreten. Entgegen anderer Meinung hat er „das politische Gesicht" der Stadt wirkungsvoll mitgeprägt. Wesentlich dazu beigetragen haben auch die Genossen, die über Jahrzehnte dem Rat der Stadt angehört haben. Neben den bereits erwähnten gehören dazu vor allem Günter Nitsche (Ratsmitglied 1964-1989), Günter Tubbesing (Ratsmitglied seit 1967) und Albert Uphoff (Ratsmitglied 1969-1989).